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24.12 / Wohnquartier Luegisland, Gutenswil

Projektwettbewerb 2024

Planungsteam
Auftraggeberin – ALSA Pensionskasse, Rapperswil-Jona
Architektur – op-arch | Norbert Pasko, Clarissa Spiess, Veronica Callà, Sarah Weber
Freiraum – Nipkow Landschaftsarchitektur AG, Zürich

Projektbeschrieb

Die «Luegislandstrasse» diente ursprünglich der Bewirtschaftung der Felder im Gebiet Egg und verbindet seit über hundert Jahren als kleine Landstrasse Gutenswil mit Fehraltorf, etwas weiter östlich als «Alte Zürichstrasse». Sie diente dem Verkehr zwischen den Dörfern und einzelner Gutshöfe und besitzt noch heute diesen typisch ländlich-idyllischen Charme. Die Luegislandstrasse wird wohl künftig eine grosse Wohnsiedlung erschliessen, soll aber ihren Charakter als Landstrasse beibehalten.

Entsprechend ziehen sich die Gebäude der neuen Siedlungen und auch ihre Fusswege hinter den mächtigen Vegetationssaum zurück, welcher die Luegislandstrasse säumt. Der nördliche Siedlungsrand von Gutenswil behält seinen ruralen Charakter und verbindet sich wie anhin mit Ackerland und Waldrand.

Der strassenbegleitende Vegetationssaum prägt auch den Übergang nach Osten zur Egggasse. Die vielgeschossigen Gebäude werden vom Baumbestand umschlossen, Vegetations- und Baukörper bilden eine Einheit, die sich in den Landschaftsraum einfügt. Die Bau- und die Gehölzstrukturen fliessen optisch ineinander und halten den heutigen landschaftlich geprägten Charakter des Gebiets aufrecht.

Zusammen mit den mächtigen Gehölzformationen, die raumgreifend nach Westen verlaufen, werden drei Raumkammern mit verschiedenen Bezügen in die Weite aller vier Himmelrichtungen gebildet. Jede dieser Kammern besitzt dabei unverwechselbare, identitätsbildende Qualitäten und Orientierungen, aus deren Charakter die jeweilige Bebauungsstruktur entwickelt wird. Der vorgefundene Naturraum mit seiner Topografie und Vegetationsstruktur wird zusammen mit den darauf abgestimmten Baustrukturen zu einem neuen Ganzen weiterentwickelt. Jedem der drei Siedlungsteile steht ein traditioneller Begriff aus der ruralen Semantik Pate: der Vierseithof, das Langhaus und die Allmend. Während die Gebäude unterschiedliche Grundrisstypologien aufweisen, ist ihr Erscheinungsbild ähnlich. Verschiedenfarbig gestrichene Holzschalungen und Sekundärelemente in dazu komplementären oder ergänzenden Farbtönen nehmen aufeinander Bezug und ergänzen die Farbigkeit der Vegetationsstrukturen.

 

Vierseithof | Wohnwelt A

Der Vierseithof ist ein traditioneller, charaktervoller Hoftypus, der sich vom Strassenraum löst und sich um ein inneres Zentrum organisiert. Ein passendes Vorbild für ein zeitgemässes sozial beschaffenes Zusammenleben im ländlichen Raum. Er ist von einer Sequenz sich verändernden Öffentlichkeitsgraden geprägt, die sowohl ein starkes Gemeinschaftsgefühl erzeugt als auch dem privaten Rückzug Raum bietet. Von der Strasse abgelöst, liegen alle Hauszugänge am zentralen Hof. Hier finden die alltäglichen, zufälligen wie gewollten Begegnungen statt, hier verweilt man eine Weile oder zwei oder betritt die offene Treppe, die noch immer Teil des öffentlichen Hofraumes ist und zu den Podien vor jeweils zwei Wohnungseingängen führt. Die Wohnungs-Entrées, die als Windfang und Wintergarten ausgebildet sind, schaffen den Übergang vom öffentlichen Raum in die privaten Tagesbereiche der Wohnungen. Diese laufen vom Hof bis zur Gebäudeperipherie durch die Wohnungen hindurch. Die Koch-Ess-Bereiche liegen dabei hofseitig, die Wohnbereiche peripher. Die Schlafzimmer und die halb eingezogenen privaten Aussenräume schliessen die Sequenz von öffentlich zu privat ab und orientieren sich allseitig in den weitläufigen Landschaftraum.

Langhaus | Wohnwelten A und B

Von der Typologie des Langhauses, welches aus aneinandergereihten, unabhängigen Funktionseinheiten besteht und mehreren Familien Platz bietet, leitet sich die Organisation des langen Hauses in der Mitte des Perimeters ab. Vier zweispännige Einheiten, welche die Wohnwelt B bilden, und eine dreispännige Einheit, die zur Wohnwelt A gehört, besetzen den schmalen Hügelrücken. Die Tagesbereiche der Wohnungen nutzen die besondere Lagequalität und sind mitsamt ihren privaten Aussenräumen gleichermassen zum östlichen wie westlichen Landschaftsraum orientiert. Im Erdgeschoss liegen die öffentlichen Nutzungen für die Bewohner, gesäumt vom Weg für die Fussgänger, der über das Wiesland verläuft und stichartig zu den Hauszugängen führt. In der Wohnwelt B sind die Treppenhäuser über die Eingangshallen und Veloräume miteinander verbunden, ergänzt mit zumietbaren Räumen, welche z.B. attraktive Coworking-Möglichkeiten anbieten können. In der Wohnwelt A bietet der grosse Veloraum Platz für Anhänger, Kinderwagen und eine gut belichtete Werkstatt, während eine grosse gemeinsame Eingangshalle informelle Treffen ermöglicht und Raum für eine Bibliothek oder einen Mittagstisch bietet.

Allmend | Wohnwelt A

In der grossen, südlich gelegenen Landschaftskammer ist der Siedlungsraum vom Charakter einer traditionellen Allmend abgeleitet. Der wiesen-und baumbestandene grosse Hof und der kleine Wald «gehören jedem» und stehen der ganzen Siedlungsgemeinschaft offen – durchzogen von einem feinen Wegnetz, welches durch die ganze Siedlung führt und an die umliegenden Strassen und Wege anknüpft.

Die Wohngebäude gruppieren sich rund um die Allmend und folgen fein abgetreppt den peripheren, mächtigen Gehölzformationen. An der Stelle, an welcher die fussläufige Haupterschliessung, die alle drei Raumkammern miteinander verbindet,  durch das strassenseitige Gebäude auf die Allmend führt, liegen erdgeschossig die Gemeinschaftsräume für die ganze Siedlung. Durch ihre freigespielte Lage besitzen sie allseitig nutzbare Aussenräume.

Die einzelnen Hauszugänge sind alle von der Allmend aus zugänglich, sowohl auf der Terrasse oberhalb der markanten Stützmauer, als auch im unteren Wiesland, das über eine leicht erhöhte Landzunge bis zum kleinen Wald führt.

Die Wohnungen sind ausser den wenigen Studios mindestens zweiseitig organisiert, die Schlafräume sind dabei allseitig zu den ruhigen Landschaftsräumen orientiert. Die Tagesbereiche sind jeweils zweiseitig orientiert. Auf ihrer peripheren, ruhigen Seite mit halb eingezogenem Balkon und Wohnbereich, auf der Allmendseite mit einem Wintergarten, der den Koch-Ess-Bereich ganzjährig aufwertet und für ein lebendiges, kommunikatives Gesicht zur Allmend sorgt.

Freiraum

Das landschaftliche Relief an der Peripherie von Gutenswil lässt den Projektperimeter als einmalige Situation höchster Standortqualität in Erscheinung treten. Die Frage einer möglichen Bebauungsstruktur ist in Beziehung zum tieferliegenden Dorfkern, der Einbettung in die bestehende Struktur der Vegetationssäume und mit Blick auf die phantastische Aussicht in die umgebenden Landschaften zu untersuchen. Diese Parameter implizieren gleichzeitig das Thema der Sichtbarkeiten der Wohnbauten aus unterschiedlichen Betrachtungspunkten im Einzugsbereich des Luegisland.

Die Charakteristik der modellierten Landschaftstypologie mit dem fliessenden Geländeverlauf, dem prägenden Baumbestand und den freien Wiesenfluren wird im Projektansatz möglichst weitgehend erhalten und weiterentwickelt.

Drei unterschiedliche Bautypologien werden abgelöst von der Dorfstruktur zurückversetzt in die Umfassung der Vegetationssäume integriert. Die neue Massstäblichkeit der kompakten Baukörper und die topografische Differenzierung zur Dorfkernstruktur lässt an deren Peripherie ein anderes Wohnen als Sonderfall entstehen, die situative Zurückhaltung respektiert das Dorf und adelt den Ort als Oase einer gewachsenen Geschichte. Vom Dorf wenig sichtbar, integrieren sich die Baukörper in die gewachsenen Ebenen der Topografie, die Geländeterrassierung des entfernten Altbaus im Süden bleibt mit der umgewidmeten Poolstruktur erhalten und stärkt die reichhaltige Erlebbarkeit des Freiraumes nachhaltig. Das Thema der verdichteten Vegetationsäume und Bauminseln wird entlang dem südlichen Flurweg weitergeführt, die Bauten werden vom Aussichtspunkt unter Eichen am rückwärtigen Waldsaum vegetativ gefasst und in die freiräumliche Gesamtüberlegung eingefügt, Blickachsen lassen die Bewohnerschaft auch am attraktiven Weitblick nach Süden teilhaben. Das Hofgebäude im Norden, der Zeilenbau und die gelöste, gestaffelte Komposition im landschaftlichen Kontext profitieren zudem von allseitigen Ausblicken nach Dübendorf, dem Greifensee mit Pfannenstil und in die Berge sowie den nahen, artenreichen Gehölzstrukturen der Vegetationssäume. Das organisch verlaufende Durchwegungssystem erschliesst die Bauten losgelöst vom Flurweg und steuert die wesentlichen Orte für Ruhe, Aufenthalt und Spiel an, wobei in die Vegetationssäume integrierte Infrastrukturen wie Veloabstellplätze und Entsorgung angeschlossen sind.

Mit der Haltung, im Freiraum wenig zu bauen und viel zu erhalten, lassen sich im gewachsenen Habiat von Poesie und Natur spezifische Orte herausarbeiten. Im Süden ein vom umgebenden Wiesland landschaftlich umflossener Wohnhof, in dem die Terrassierung mit der Geländemauer als Ordnungselement erhalten bleibt und mit der reprofilierten und zu einem Spielplatz umgewidmeten Poolstruktur einen teilbeschatteten Treffpunkt und attraktiven Ort des Aufenthalts bildet. In die vorgelagerte Geländekante integriert führt ein Wiesenpfad zu Sitzgelegenheiten an Panoramalage. Der von einer verwunschenen Umwaldung gefasste, abgetiefte Teich wird mit informellen Gestaltungsmassnahmen naturnah aufgewertet und für Beobachtungen an Flora und Fauna zugänglich gemacht und gesichert. Das offene Wiesland vor dem Zeilenbau schafft ungestörte Ruhe und Privatheit. Der durchgrünte Wohnhof im Norden dient der Begegnung und fördert den sozialen Austausch.

Der sehr grosse Anteil an artenreichen, versickerungsfähigen Grünflächen und die chaussierten Wege und Plätze lassen einen natürlichen Wasserhaushalt mit Versickerung vor Ort erwarten. Die wertvolle und ergänzte, naturnahe Vegetationsstruktur und die informellen, baulichen Korrekturen bieten eine Chance, den gesamten Freiraum des Wohnumfeldes als Träger einer hohen Biodiversität zu verstehen und auszubilden und der Bewohnerschaft ein einzigartiges Milieu, das in seinen Genen bereits angelegt ist, zu bieten.

Nachhaltigkeit

Das Nachhaltigkeitskonzept zielt auf einen geringen C02-Fussabdruck in Erstellung und Betrieb, sowie eine gute Wirtschaftlichkeit. Damit dies zusammenpasst, sind insbesondere drei Faktoren entscheidend: die Verwendung erneuerbarer Ressourcen, ein hoher Vorfabrikationsgrad, sowie eine möglichst grosse Modularität der Gebäude und Wiederholung von Bauteilen.

Entsprechend sind die Gebäude konzipiert:

  • Das Holz-Tragwerk aus Konstruktionsholz (kein Leimholz) und entsprechendem Tragraster (max. 380x400cm) besteht aus Stützen und Tragbalken, auf welchen Brettstapeldecken liegen. Der minimale Aufbau mit Anhydrit-Estrich dient als Speichermasse und über die Bodenheizung dem Heizen und Kühlen. Die vorfabrizierten Holzsandwich-Fassaden besitzen standardisierte Elementabmessungen und Fensteröffnungen. Diese dienen der natürlichen Belüftung und Nachtauskühlung, welche durch die mehrfach orientierten Layouts begünstigt wird und eine optimale Durchlüftung ermöglichen.
  • Die Gebäude der drei Siedlungsteile bestehen im Wesentlichen aus sich wiederholenden Modulen, welche gleiche Wohnungstypen vertikal stapeln und unterschiedliche Wohnungstypen horizontal aneinanderreihen.
  • Die Untergeschosse sind in RC/CEMIII-Beton vorgesehen und wo infolge des darüberliegenden Holztragwerks nötig punktuell als Abfangdecken vorgesehen.
  • Die Energieversorgung für Heizung und Brauchwarmwasser ist auf dem Planungsperimeter mittels Erdregister-Wärmepumpen denkbar. Im Sommer können die Gebäude dadurch auch gekühlt werden. Grossflächige PV-Anlagen auf dem Dach sorgen für einen effizienten Betrieb und hohen Autarkiegrad der Siedlungen.
  • Regenwasser wird mittels intensiver Dachbepflanzung (PV-Gründächer) zurückgehalten und entweder ins bestehende Biotop geleitet oder, falls zusätzlich notwendig, in Retentionsbecken geleitet.