16.09 / Wohnüberbauung Sandfoore, Mägenwil

Erholsame Normalität

Die abwechslungsreiche Weite dieser sanften, durch den Reussgletscher geformten Hügellandschaft besticht, obwohl kein Fluss, kein See, kein Berg die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zieht. Mägenwil liegt zwischen dem Aaretal, wo sich eine Reihe gut vernetzter Kleinstädte mit spezifischen Qualitäten etabliert hat, und den Südtälern mit land(wirt)schaftlichem Charakter. Das Dorf am Moränenhügel aus Muschelkalk ist Teil der dörflich geprägten Kulturlandschaft im Osten des Kantons.

Die grossen Wachstumswellen, die das Mittelland im letzten Jahrhundert periodisch erfassten, sind beinahe spurlos an der kleinen Ortschaft vorbei gegangen. Erst wachsender Wohlstand und erhöhte Mobilität wirkten sich in den letzten zwanzig Jahren auf die Attraktivität der Gemeinde als Wohnstandort aus. Seither wächst die Einwohnerzahl alle fünf Jahre um rund 250 Personen. Im Ortsbild schimmert das bäuerliche Strassendorf bei genauerer Betrachtung zwar noch etwas durch, die Obstwiesen, welche einst grossflächig die Räume zwischen den in die Topografie eingepassten Gebäuden prägten, sind jedoch weitgehend mit  dem regelmässigen Raster kleiner Wohneinheiten überbaut worden. Thujahecken und Granitstelen umhüllen erfüllte Lebensträume am Dorfrand.

Mehr als hundert Jahre lang stand die Station Mägenwil allein auf weiter Flur an der Bahnlinie Basel - Zürich im Norden der beiden Ortskerne Mägenwil und Eckwil. Die Bahnhofstrasse endete am einspurigen Gleis. Ab und zu wurde dieses von einem Feldweg gekreuzt. Am Anfang des 20. Jahrhunderts tauchten vereinzelt Gebäude in Bahnhofsnähe auf. Das Bier der Feldschlösschen Brauerei wurde hier im Depot der Firma Strebel von den aus Rheinfelden ankommenden Fässern in Flaschen abgefüllt und danach in die Region ausgeliefert.  Mit dem Bau der Autobahn um 1970 hat sich nördlich des Bahnhofs Industrie angesiedelt. Seither unterquert die Industriestrasse die Bahngeleise und kappt somit die alte Bahnhofstrasse, die sich nie als Verbindung zum Ortskern etablieren konnte.

Mit dem Masterplan von Van de Wetering für die weitgehend unbebauten Flächen zwischen den beiden Siedlungskernen von Mägenwil und Eckwil wählte die Gemeinde eine ortsbauliche Grundlage, welche die Transformation des bäuerlichen Strassendorfs zur dörflichen Wohngemeinde vorschlägt. Hier soll ein Ortskern mit neuen Qualitäten in die gewachsene, ursprünglich lineare Struktur integriert werden. Der Mut zur Verdichtung und die Rückbesinnung auf traditionelle ortsbauliche Strategien siedlungsbildender Gestaltung führen der Alten Bahnhofstrasse somit mit rund hundert Jahren Verspätung eine ihr gebührende Bebauung zu.

Neuartige Nachbarschaften

Für das ambitionierte Vorhaben sind neue dörfliche Strukturen gesucht, die eine hohe räumliche Qualität gewährleisten und gleichzeitig die Erinnerung an das Bauerndorf mit einbeziehen, obwohl sie den herkömmlichen Massstab sprengen.  Die lockere Bebauung auf dem Areal zwischen Bahngeleise und Schulquartier sowie der beeindruckende Baumbestand werden so weit wie möglich in die neuen Nachbarschaften an der Alten Bahnhofstrasse integriert.

 

Die reaktivierte Verbindung zum Bahnhof zweigt beim neuen Dorfplatz von der Hauptstrasse ab. Zwei mächtige Rotbuchen ragen in den Strasseraum - sie bilden das Portal zum Park der Familie Strebel. Das bestehende Ensemble wird mit Strukturen für fortschrittliche Wohnkonzepte ergänzt, wobei die Villa Zentrum der Anlage bleibt. Drei Neubauten umschliessen den Garten und bilden, einem Vierseitenhof gleich, die offene Grenze zwischen Innen und Aussen. Sie schaffen Übergänge zu so verschiedenen Situationen wie der Hauptstrasse, dem Bungert und der nachbarschaftlichen Genossenschaftssiedlung, wobei Gebäudetypologie und Wohnungsgrundrisse je nach Gegenüber entsprechend variieren.

Ein Gebäude des Ensembles ist Teil der Genossenschaft Frohes Wohnen. Auf unterschiedlichen Niveaus steht es sowohl im Park als auch an der Hauptstrasse und ist somit gleichzeitig trennendes und verbindendes Element. Laden- oder Dienstleistungsflächen auf Strassenniveau sind mit zum Park hin ausgerichteten Werkstätten oder Ateliers verbunden. Die zweiseitig ausgerichteten Wohnungen in den oberen Geschossen erweitern das vielfältige Angebot der Genossenschaft. Das offen stehende Gartentor, die Lücke in der Mauer, laden ein, durch das Areal zu streifen oder unter der alten Linde Platz zu nehmen, um am Schwimmbecken zu verweilen.

Das grosse Haus der Genossenschaft Frohes Wohnen liegt zwischen Alter Bahnhofstrasse und Obstwiese und schliesst die Siedlung zur tiefer liegenden Industriestrasse hin ab. Der gegen Süden hin offene Hof vermittelt zwischen den ausgesprochen unterschiedlichen Seiten. Er ist zentrales Element der Erschliessung, über ihn sind alle Wohnungen an die Alte Bahnhofstrasse angebunden. Er ist auch gemeinschaftlicher Raum - hier spielen die Kinder, hier kreuzen sich die Wege der Bewohnerinnen und Bewohner, auf ihn richten sich die grossen, gegen Süden hin offenen Balkonzimmer aus. Die unterschiedlichen Lagen der Wohnungen bilden sich in den differenzierten Grundrissen ab. Der Gebäudekörper ist in seiner Höhe gestaffelt. Auf der lärmbelasteten Seite im Norden wird er fünfgeschossig ausgebildet, zur Sonne und dem nachbarschaftlichen Ensemble aus zwei- und dreigeschossigen Gebäuden hin wird die Höhe reduziert. Hier ist der siedlungsinterne Aussenraum über wenige Treppenstufen an den öffentlichen Freiraum angebunden. Ein Café, Atelierräume oder Büros sowie die Zugänge zum Hof und zu den Treppenhäusern prägen das Erdgeschoss entlang der Alten Bahnhofstrasse.

Auf der gegenüberliegenden Seite nimmt eine lange, den Strassenraum definierende Mauer den wachsenden Terrainsprung zwischen Alter Bahnhofstrasse und dem Erdgeschossniveau des Wohnhauses auf. Diese Massnahme, welche dörflichen Gestaltungsprinzipien - wie der Bauordnung von Monte Carasso - entlehnt ist, ermöglicht einerseits die massstabsgerechte Interpretation der im Masterplan geforderten Baulinie, andererseits erhalten die über dem Werkhof liegenden Wohnungen einen von der Strasse abgesetzten Vorbereich im Süden des Gebäudes. Auf dem Werkareal der Hauwartprofi AG wird in Ergänzung zur bestehenden Gebäudezeile an der Bahnlinie primär eine grosse Anzahl Parkplätze untergebracht. Den Abschluss der Anlage bildet ein Wohngebäude am Geleise, das einige Geschosse über das Quartier ragt und so ein aus der Ferne sichtbares Zeichen setzt.

Das Erscheinungsbild im südlichen Teil der Alten Bahnhofstrasse wird sich aufgrund der Interventionen auf den Parzellen der Familie Strebel kaum verändern. Weiter nördlich hingegen definieren der erweiterte Werkhof der Hauswartprofi AG und der Wohnhof der Genossenschaft Frohes Wohnen den beidseitig gefassten Strassenraum. Die vielfältigen Randbedingungen und unterschiedlichen Nutzungsvorstellungen fliessen in die Bebauungsstrukturen der drei Siedlungen ein. Die Gartenmauer, die Schwelle zum Hof, und der von der Strasse abgesetzte Vorbereich schaffen eindeutige Übergänge zwischen Dorf und Siedlung und laden gleichzeitig zum Betreten ein. Die sorgfältige Hierarchisierung des Öffentlichkeitsgrads der Freiräume sowie gezielt platzierte gewerbliche Erdgeschossnutzungen bereichern das räumliche Gefüge und verankern die drei Nachbarschaften des neuen Quartiers im Ortszentrum.

Planungsteam

  • Auftraggeber – Baugenossenschaft Frohes Wohnen Zürich, Einfache Gesellschaft Strebel Mägenwil
  • Architektur – Hanspeter Oester Reto Pfenninger Architekten / Wettbewerb: Marlen Lanz, Denise Ulrich, Andreas Weiz, Maxime Zaugg
  • Landschaftsarchitektur – noa Landschaftsarchitektur
  • Visualisierung - Yoshi Nagamine