Seit Neugründung unseres Büros kreisen wir regelmässig um bestimmte Grundfragen der Architektur und

des Städtebaus. Um aufzuzeigen, welche Ausrichtung wir beim Hinterfragen unserer vergangenen und

beim Entwerfen unserer zukünftigen Architektur verfolgen, veröffentlichen wir hier, in loser Folge, unsere

Überlegungen. Mit diesen Kurztexten streifen wir unser internes Reflexionsprogramm, das uns immer

wieder vom Hang zur Affirmation befreien und in Distanz zum eigenen Schaffen bringen soll. Antworten

auf hier formulierte Fragestellungen werden, anhand von Musterbeispielen, im Lauf der Zeit gesammelt

und kritisch diskutiert.

Erschliessung und Tragwerk

Beim Entwickeln eines architektonischen Projektes richten wir unsere ersten konstruktiven Überlegungen

auf Erschliessung und Tragwerk des zu entwerfenden Gebäudes. Diese beiden Grundaspekte bestimmen

das Gerüst des Hauses und legen die darin künftig geltende unveränderliche oder variable Raumstruktur

fest. Folgerichtig basieren auf dem auszutarierenden Wechselspiel zwischen Erschliessung und Tragkons-

truktion die Form und Anordnung aller Räume, was die beiden nachfolgenden Beispiele prototypisch

kurzgefasst veranschaulichen.

Beim Schulhaus Blumenfeld im Zürcher Quartier Affoltern verzahnen sich zwei Tragwerkstypen: Einerseits

fixieren die Tragwände unveränderliche Räume für die Klasseneinheiten und Infrastrukturen. Andererseits

weist das Gebäude im Kopfbereich eine Stützen-/Platten-Konstruktion auf, um dort zukünftige Verände-

rungen der Raumorganisation zuzulassen.

Bei der Wohnüberbauung Maaghof im Zürcher Quartier Escher-Wyss / Kreis 5 führt die Tragstruktur aus

Stützen und Platten im gesamten Baukorpus zu einer freien Konfiguration der Innenräume und somit zu

einer variablen Raumnutzung. Die Größe von Wohneinheiten und deren Raumaufteilung können nach Be-

darf ebenso verändert werden wie eine geschossweise oder gar allgemeine Umstrukturierung von Wohn-

ungen zu Open Space-Büros. Die Stützen-/Platten-Tragstruktur hat zur Folge, dass konstruktive Elemente

sichtbar bleiben. Während Stützen vor Fenstern in Grossraumbüros, Werkhallen und anderen

Zweckbauten als wenig beachtete konstruktive Selbstverständlichkeit gelten, steigt ihre Akzeptanz

im Wohnungsbau unter dem Vorzeichen der Raumgestaltung.

September 2013

Raum, Form, Bedeutung

Bei uns funktionalistisch ausgerichteten Modernisten kommt verstärkt der Wunsch auf, unsere

Architektur des Unverkleideten, des Rohen und Robusten, des energetisch Sinnvollen und ökonomisch

Machbaren, also der pragmatischen Gewichtung des Bauens, mit mehr Sinn gebendem Formwillen zu

durchdringen. Wie können wir Fassaden, Erschliessungs-, Wohn- und Arbeitsräume, über den

erwähnten formpragmatischen Funktionalismus hinausgehend, so gestalten, dass die Bedeutung des

Gebäudes für die Menschen und die Bedeutung ihrer Tätigkeiten darinnen zum Ausdruck kommen? In

einer architektonischen Formensprache, die nicht nur Raumfunktion, sondern auch Raumform und

Formbedeutung sagen kann? Wie können wir unsere konstruktiven und materialtechnischen Freiheiten

tatsächlich für eine sinnbildende Raumgestalt nutzen? Und was leisten für diese Fragestellungen der

Zufall im Entwurfsprozess, Widersprüche, Ausnahmen und asignifikante Brüche – vermögen sie nicht

nur formal, sondern auch inhaltlich etwas beizutragen?

Januar 2014

Agglomeration – gestalterisch ordnen

Die aktuellen Bestrebungen, der Zersiedelung von Landschaft Einhalt zu gebieten, stellen uns Architekten

vor die besondere Aufgabe, Agglomerationsgebiete nach innen zu verdichten. Deren städtebauliche Belie-

bigkeit, mit zwar geplanten und dennoch vorwiegend hingewürfelten Baukörpern, zeigt sich ohne Raum-,

für die Bewohner ohne Bedeutungszusammenhänge. Diese Ausgangslage wirft gestalterisch-ordnende so-

wie politische Fragen auf:

1. Soll die Suburbia emanzipiert und wenn ja, auf welche Weise in urbane Räume überführt werden? Wel-

che städtebaulichen Maßnahmen stellen die dafür notwendigen Raumbezüge zwischen Gebäuden im dis-

persen Speckgürtel her? In welcher Weise ist der bekannte typologische Kanon der horizontalen und verti-

kalen Gestaltung durch abwechslungsreiche Beziehungsgeflechte zu erweitern, damit öffentliche Aussen-

räume entstehen, die von der Bevölkerung mit Bedeutung belegt werden können? Welche Rolle kommt der Konfiguration des Erdgeschosses zu, und wie kann es selbst bei massigen Gebäudevolumen für die öffent-

liche Zugänglichkeit kleinstrukturiert bespielt werden?

2. Welche Typen der gemischten Wohnüberbauung tragen zur Agglomerationsverdichtung bei, wenn sie

gleichzeitig Bezüge zum Bestand herstellen sollen? Wie sind Ausprägungen des beliebten Low Rise High

Densitiy-Wohnbautypus (s.a. Siedlungsatlas: Low Rise High Density, FHNW, Institut Architektur, Basel

2012) weiter zu denken, damit ein bodennahes Netz entsteht, mit Gebäuden von drei bis vier Geschossen,

privaten Gärten, allgemein zugänglichen Plätzen und Eingangstüren der Wohneinheiten direkt in den

öffentlichen Raum?

3. Wie lassen sich in gesichtslosen Vorstädten eigene städtebauliche Zentren ausbilden und dadurch Mobi-

lität und Verkehr reduzieren?

4. Wie können wir Architekten unter angrenzenden Gemeinden die Bereitschaft zur Planungskooperation

fördern? (Wir sind Mitglieder von Raumpaket, einer interdisziplinären Arbeitsgruppe für die räum-

liche, soziale und wirtschaftliche Entwicklung von Städten und Gemeinden)

November 2013